Die Fortsetzung der gestrigen Fabel durch Wilhelm Grote:
Der Aal, der Klassenbester in der Schule der Tiere geworden war, obwohl er (außer im Schwimmen) in keinem Fach die Bestleistung schaffte, hatte – wie alle seine Mitschüler – die große Bewährungsprobe seines Lebens noch vor sich. Er wußte, daß er ein zweites Mal in seinem Leben den langen Weg zu schwimmen haben würde aus seinem Teich über nachtfeuchte Wiesen, durch Bäche und Flüsse in das Meer und weiter bis in den südwestlichen Nordatlantik, um den Sinn seines Lebens zu erfüllen.
Auf diesem Weg aber mußte er an der Südküste Irlands vorbei, und dort lauerte sein bösartiger Vetter, der riesengroße Conger, der nicht davor zurückschreckte, auch seine kleinen Verwandten, die Aale zu fressen.
Nun kam unser Klassenbester dort vorbei. Der böse Vetter war da und stellte ihm nach. In diesem Augenblick entsann sich der Aal seiner Schule, er schnellte aus dem Wasser und nutzte die mit vieler Mühe erlernten – und, zugegeben, an den Flugkünsten des Mitschülers Adler gemessen, jämmerlichen – Flugkünste, kam ein paar Meter weiter und war tatsächlich dem bösen Conger entkommen.
Der Aal wußte, als er die Küstengewässer vor Irland verließ und im tieferen Wasser weiter nach Westen schwamm, daß er der allgemeinen Tierschule – trotz aller Anstrengungen, die sie ihm bereitet hatte – sein Leben verdankte.
“Gut”, sagte er zu sich, “daß ich damals das Angebot, in die Schwimm-Spezialschule zu gehen, nicht angenommen habe. Dort hätte ich Schnell-Schwimmen gelernt, und Schöne-Kurven-Schwimmen und vielleicht sogar In-Guter-Haltung-Aufrecht-Im-Was-ser-Stehen, aber nicht ein paar Meter fliegen, was nur wenige Fische können.”
Eine ganze Weile später, längst hatte er den Festlandssockel Europas hinter sich gelassen, dachte der Aal: “Aber von meiner eigentlichen Bestimmung, von der Aufgabe und dem Ziel meines Lebens, hat niemals jemand in meiner Schule gesprochen -”.
Zu gern hätte er gewußt, ob die Schwimm-Spezialschule für hochbegabte Aale nur Schwimmen lehrte, oder ob man dort den Schülern auch etwas zum Sinn des Lebens sagte.
Aus: Förderung besonders begabter Schüler in niedersächsischen Schule, Tagungsbericht, Goslar 23.-25.03.1987, S. 15/16



